VOM SCHEIN DER PERFEKTION

Wenn meine Tochter mal volljährig ist, dann wünsche ich ihr als guten Start ins eigenständige Leben, dass sie ein sympathisches Wesen habe, hübsch und gepflegt aussehe und eine solide Abiturnote ihre Grundbildung dokumentiert. 

Tja, genau so ein Mädchen stand kürzlich vor mir: 20 Jahre alt, hübsch und charmant mit einem Abitur von 1,4. Sie hat mich als Aushilfe ein paar Tage unterstützt und mein erster Gedanke war, wie sehr ich ihre Eltern beneiden würden, so eine Bilderbuch-tochter zu haben! Doch beim Thema Eltern zeigte sich im Gespräch, dass ihre Mutter kürzlich verstorben war und ihre vermeintliche Nachdenklichkeit und Melancholie tatsächlich Trauer und Depressionen waren. Sie nahm seit Monaten Antidepressiva ein um ihre Antriebslosigkeit und ihren Schwermut zu bewältigen. An Ausbildung oder gar Studium sei für sie nicht dran zu denken, sagte sie, da jede Art von Verpflichtung ihr schnell zur erdrücken-den Last würde.

Zuerst war ich sehr betroffen von der Kenntnis ihrer Halbwaisenschaft und entschloss mich mit meiner Aufmerksamkeit bei ihr zu bleiben. Ich erkundigte mich danach, wie es ihr damit ginge. Daraufhin berichtete sie von ihrem Gesundheitszustand.

Präsenz ist, sich entscheiden zu können wohin ich meine eigene Aufmerksamkeit lenke

Als sie schließlich von ihrer stagnierenden persönlichen Entwicklung erzählte, übermannten mich Ärger und Empörung. Auslöser meiner Fassungslosigkeit waren Gedanken über die Ungerechtigkeit der Welt, dass ein so talentiertes und liebenswertes Mädchen im Leben nicht an den Start kam!

Es quält einen, was man von dem anderen hört, weil man es als falsch verurteilt und es anders haben will.

Ich wollte wissen, ob sie denn gar keine Idee habe, was sie mal mit ihrem glänzenden Abitur studieren wolle und sie antwortete, eventuell mache sie erst mal eine Lehre. In meinem Kopf echote es wider „das kann doch nicht wahr sein!“ und so bohrte ich weiter nach ihren Interessen. Sie antwortete schließlich mit einem Studienfach. Diese Information entzündete meine Begeisterung mit der Intension, sie damit anstecken zu wollen. Sie wurde dann plötzlich sehr höflich und entschuldigte sich aus der Unterhaltung.

 

Im Nachhinein kann ich erkennen wie schwer es mir fiel ihre Situation anzunehmen im Sinne der Akzeptanz. Es war mir schlicht nicht möglich gewesen mein Klischee loszulassen. Ich wollte die Realität verändern, indem ich meine Begeisterung mit der subtilen Absicht einsetzte sie zu manipulieren. Es wird ihr vermutlich so vorgekommen sein, als zerrte ich an ihr rum, damit es mir besser ginge.

 

Die Information, die sie indirekt von mir erhielt, war einfach und simpel: du bist nicht in Ordnung und das belastet mich.

 

Schwindet die innere Aufmerksamkeit und unser urteilendes Denken übernimmt die Führung, dann wird aus mitfühlen schnell mitleiden.