WENN RETTER MITLEIDEN

„Wie kann man nur so kalt sein?“

zischte mich ein Radfahrer an, als ich einst an einem Straßenübergang wartend stur geradeaus schaute, während meine Tochter, damals ungefähr fünf oder sechs Jahre alt, lautstark neben mir weinte.

Am selben Abend heulte ich zurückgezogen Rotz und Wasser, denn mein Kopf war voll mit Selbstanklagen und –vorwürfen, was für eine herzlose Mutter ich sei.

 

Wenn das Herz mauert

Den wenigsten Menschen macht es Freude einer nahen Person, ob Partner, Kind oder Freund Zuwendung und Verständnis vorzuenthalten. Trotzdem passiert es immer wieder. Ich selbst entdecke dabei laut ausgesprochene oder auch nur gedachte Sätze, die von verzweifelt: „ich kann nicht mehr!“ bis ärgerlich reichen: „ich will nicht mehr!“.

Dies ist übrigens eine ausgesprochen kraftvolle Übung; die eigenen Gedanken aufzuschreiben. Mich hat es in obig beschriebener Situation auf meine Überforderung hingewiesen, dass das Leid meiner Tochter ausgelöst hatte: Ihr taten die Füße weh und sie hatte sich beschwert, sie hätte keine Lust mehr zu laufen.

Verräterische Gedanken
Ein Faden der Ariadne im emotionalen Labyrinth

Bevor ich, wie der Radler es bezeichnete, innerlich erkaltete, hatte ich gedacht: „Ihr tun die Füße weh? Jetzt soll ich sie etwa tragen? Wie soll das denn gehen? Ich habe Einkaufstüten links und rechts!“ Und damit war der Rollladen meines Herzens hinuntergerauscht. Das Beste, was mir einfiel um mit meiner Überforderung und Hilflosigkeit trotzdem mit Kind und Einkauf heim zu kommen war; so zu tun als wenn nichts wäre und es durch Tempo möglichst schnell zu beenden!


Druck durch zu viel Verantwortung

Mitleiden hat häufig mit der Übernahme von Verantwortung zu tun. Dabei gerate ich unter den selbst gemachten Druck, ich müsste jetzt eine Lösung wissen, die das Leid vom Gegenüber beendet oder zumindest lindert.

 

Doppelt hält besser: benutze Augen und Ohren, denn Begegnung braucht sinnliche Wahrnehmung

Tatsächlich habe ich gute Erfahrung damit gemacht, genau dies zu unterlassen. Heute bin ich davon überzeugt, wäre ich in der damaligen Szene in die Hocke gegangen und hätte meine Kleine angesehen und wissen lassen, dass ich sie höre und mir gut vorstellen kann, wie mühsam Gehen ist, wenn einem die Füße schmerzen, dann hätte sie sich beruhigt und kooperiert. Vielleicht hätte sie auch weiter geklagt, dabei jedoch dennoch kooperiert,

so lange ich zumindest Akzeptanz signalisiere, dass es gerade auch wirklich schwer für sie ist.  
Akzeptanz und Annahme schaffen einen Dialog, in dem sich völlig neue Lösungen zeigen

Eventuell wären wir auch gemeinsam in Verhandlung getreten, welche Art von Unterstützung sie braucht und die mir leichtgefallen wäre. Das hätte die Verringerung des Gehtempos sein können (wenn keine Tiefkühlkost in den Taschen steckt), gemeinsame theatralische Schnaufpausen, ein an der Handhalten (wenn sich eine Hand frei machen lässt) oder, oder, oder… 

Es braucht Mut das Leiden anderer auszuhalten und Vertrauen, dass der Leidende am besten weiß, was ihm wirklich hilft

Um meine persönliche Erkenntnis nochmal kurz auf den Punkt zu bringen: mitfühlen heißt das Leid des Anderen zu akzeptieren und anzuerkennen in einer inneren Haltung von „Aha, so ist das also gerade für dich“ und sich innerlich von dem Anspruch zu befreien, Veränderung schaffen zu müssen bzw. zu sollen.

 

Sich erstmal ein Bild machen

Anstatt in die Rolle eines Retters zu schlüpfen, hat Mitfühlen etwas mit Fühlen zu tun: ich versuche innere Bilder und/ oder Empfindungen zu finden, die ich als Beschreibungen anbiete um zu prüfen, ob ich es richtig verstanden habe und stimmig einschätze, wie es meinem Kind, meinem Partner, meinen Freunden oder auch meinen Kollegen geht. Durch diese Art von mitfühlendem Dialog stellt sich auf beiden Seiten eine größere Klarheit darüber ein, was los ist und ob es überhaupt eine Veränderung braucht, was es sein könnte und wer oder was eventuell Teil eines Lösungsversuchs wird.

 

Doch seien Sie sanft mit sich. Fangen Sie mit Schritt 1 an – ich muss nicht wissen wie es gebessert werden kann. Mein Gegenüber anzusehen und ihm oder ihr zuzuhören ist bereits ein Geschenk an uns beide und unsere Beziehung zueinander.