Zerreissprobe Urlaub

Mein Partner und ich hatten die Absicht zu zweit im Campingbus den Süden Deutschlands zu erkunden. Nach vielen Jahren reisen mit Kindern freute ich mich am meisten darauf, mich dabei ziemlich ziellos und völlig lässig in unserem fahrbaren Schneckenhaus treiben zu lassen. Halt machen, wo wir wollen und schlafen, wo es uns gefällt. Endlich wieder! Denn als wir als Familie unterwegs waren, hatten wir Eltern uns angepasst an Bedürfnisse unserer Kinder. Beispielsweise als eine unserer Töchter in die Pubertät kam,  wurden „richtige Toiletten“ und das Vorhandensein von WLAN und sauberen Duschen zur Bedingung, während wir Eltern auch gern mal einen Spaten mit in den Wald nehmen und ein paar Tage Körperwäsche auf das Baden in natürlichen Gewässern beschränken und genießen können. Kurz und knapp: Mein Bild war eines von zwei Personen, die sich treiben lassen und dabei die andere Hälfte Deutschlands erkunden.

Doch bereits Monate vor dem Start begann mein Gemahl immer mal wieder Fragen zu stellen, wohin genau wir denn wollen und wenn wir mehrere Ziele hätten, in welcher Reihenfolge wir sie anfahren würden?

Mich engten seinen Fragen in meiner Vision von der Reise ein und ich erlebte mich völlig unwillig darauf einzugehen.

Anfangs konnte ich ihn noch vertrösten mit Ausflüchten „lass uns das Mal in Ruhe besprechen“ und „das weiß ich doch jetzt noch nicht!“. Doch umso näher die Abfahrt rückte, umso weniger reichte ein „ich dachte, das hängt auch vom Wetter ab, schauen wir doch kurzfristig, wie die Prognosen sind“ ihn zu beruhigen und aus meiner Sicht „abzuschütteln“. Stattdessen wurde er hartnäckiger als auch zunehmend nervöser und seine Fragen drängender. Als wir völlig genervt aneinander geraten waren, da zog er die Reißleine. Er stoppte unsere Zankerei, diagnostizierte sie als „emotional aufgeladen“ und bat um einen formalen Gesprächstermin mit der Bitte, bis dahin möglichst sachlich den eigenen Standpunkt zu klären um ihn vortragen zu können. Ich brachte zu diesem Termin weitestgehend meine obige Darstellung vor. Anschließend schilderte er, dass er die Zeit mit mir nicht unnötig lange im Auto verbringen will und daher eine zeitlich effiziente Route planen möchte. Es machte aus seiner Sicht wenig Sinn, von Hamburg aus erst zum Bodensee zu fahren, wenn man auch Tübingen ansehen möchte. So wurde mir klar, dass er einfach nur verhindern wollte, dass wir im Zick-Zack-Muster reisen und dies konnte ich seufzend anerkennen. Die Schutzhaltung mit der ich meinen Partner als Aggressor gegen meine Sehnsucht nach planunsgfreiem Urlaub behandelt hatte, löste sich und die entstandene Innere Enge konnte sich entspannen. Ich sagte, dass ich so unwillig sei eine Route festzulegen, weil ich nicht wegen der Route am Dienstag oder Mittwoch am Bodensee ankommen will, obwohl erst ab Donnerstag oder Freitag schönes Wetter für die Region vorhergesagt sei. Dass ich mir ein höchstmögliches Maß an Flexibilität erhalten wolle. Achselzuckend erwiderte er, dass sei ihm ebenfalls lieb, doch würde er gern diejenigen Punkte fixieren, die überhaupt von Interesse sind, damit wir nicht vom Bodensee nach Freiburg reisen und nach unserer Ankunft feststellen, dass der Titisee auf dem Weg lag und wir den jetzt verpasst haben.


Und so entfaltete sich für uns die Lösung:

wir fotokopierten eine Landkarte und markierten auf der Kopie alle Ziele, die uns theoretisch attraktiv erschienen. Und mit dieser Kopie startete unsere Fahrt, wobei wir morgens den Wetterbericht zu Rate zogen und davon abhängig machten, ob wir ein nächstes Ziel anfahren/ bleiben wo wir sind/ und welche Sehenswürdigkeiten auf dem Weg lagen und dazwischen besucht würden. Mir erfüllte es genau die Flexibilität und das Gefühl von sich treiben lassen, welches mir so wichtig war und mein Gemahl hatte Gewissheit, dass wir bewusste Entscheidungen über unsere Ziele trafen und die Route effizient war und nicht unnötiges Zick-Zack ergab.