Schuldenfreie Liebe

Partnerschaft und Liebesbeziehung bedeuten viel Nähe, und diese Nähe kann uns sehr verletzlich machen. Zwischen Liebenden kommt es daher beispielsweise zu Kränkungen aufgrund von Missverständnissen oder Anders-sein. Da wird dann von A etwas anders verstanden, als es von B gemeint war und eine Handlung folgt, die daraufhin irritiert, enttäuscht oder verärgert.


Mein persönliches Credo ist: miteinander darüber sprechen!


Dies scheitert jedoch gern an verschiedenen Faktoren: mangelndes Vertrauen darin, dass man es miteinander klären kann, weil man die Kompetenz dazu hat und/ oder die Kooperationsbereitschaft da ist. Auch der Faktor Zeit und Ruhe im Alltag wiegt schwer, insbesondere, wenn man noch junge Kinder hat oder andere besondere Belastungen stemmt. Also verzichten Viele darauf und irgendwie beruhigt sich das innere Gegrummel irgendwann und landet in einem inneren Fässchen, das sich nach und nach füllt, um zu einem späteren Zeitpunkt seine gesammelte Ladung explosiv zu offenbaren. Ich habe in solchen Fällen dann früher gern alte Kamellen ausgepackt, um der Mücke/ dem Streitanlass zusätzliche Größe und Bedeutung zu verleihen. Beispielsweise hatten wir entgegen meiner Erwartung mal den Eintritt zu einer Veranstaltung getrennt gezahlt. Ich bestrafte ihn den gesamten Abend mit schlechter Laune und kotze mich auf der Rückfahrt bei ihm aus, dass er ja schon immer so geizig sei und zählte Gelegenheiten auf, wo ich in der Vergangenheit von ihm ebenfalls Beteiligung an den Kosten erwartet und heimlich gewünscht hatte.

Dies meine ich mit innere Fässchen, die sich explosiv entladen. Auch das Bild von innerer Buchführung erscheint mir stimmig, worin unerwünschtes Verhalten gelistet wird, ähnlich wie Schulden, die man eines Tages einfordern wird.

Auf eine klärende Auseinandersetzung zu verzichten kann durchaus gut gemeint sein, weil es beispielsweise der Entlastung dienen soll. Doch wenn das Fass überläuft, dann zahlen alle Beteiligte einen hohen Preis dafür. Wir haben das in unserer Partnerschaft nach einigen Jahren sehr ernst genommen und uns entschieden, uns hierzu Unterstützung und Rituale zu suchen, um ein anderes Miteinander zu kultivieren.

Kürzlich bin ich in der Coaching-Literatur über die Intervention gestolpert, man möge den Coachee bitten, er solle sich seinen eigenen Tod als bevorstehend vorstellen und sich in dessen Angesicht nun fragen, was er schon immer mal machen wollte und womit er keine weitere Zeit mehr verschwenden will. Die Idee dahinter ist klar: herausfinden, was wirklich wichtig ist im Leben und ob es eine Neuorientierung braucht.

Schicksalhafter weise brachte ich nur wenige Tage später meinen Gemahl ins Krankenhaus, welcher unter heftigen Kopfschmerzen litt und in der Folge mit Schmerzmedikation in einem Ausmaß versorgt wurde, dass ihm das Bewusstsein sporadisch entglitt, während er körperlich ebenfalls völlig spannungslos wurde. Wollte ich anderen von meinen Erlebnissen mit ihm im Krankenhaus erzählen, dann wählte ich das Bild, er gleite mir wie Sand durch die Finger. Ich könne ihn nicht mehr greifen und er sei wie weggetreten oder nicht mehr da.

Kurz: Ich erlebte mich mit seinem Sterben konfrontiert, zumal die Ärzte zu diesem Zeitpunkt auch zu keiner Diagnose und damit auch zu keiner Prognose fähig waren. Alles schien möglich.

Mithilfe eines Freundes konnte ich in einem Gespräch mein Erschrecken darüber zulassen, meine Angst und meine Trauer über den eventuellen Verlust, doch traf ich in all dem auf etwas, was ich als „Okayness“ bezeichnete.

Es gab in meiner Angst vor seinem Tod auch eine Bereitschaft ihn loszulassen.

Ich wollte nicht, dass er stirbt und gleichzeitig wäre es okay. Als ich dies weiter explorierte erkannte ich, dass unsere Beziehung mir unbelastet erschien. Es gab weder einen Aufschrei in mir, ich hätte noch etwas mit ihm zu klären/ es gäbe noch etwas zu sagen oder zu erreichen, noch sah ich mich mit Belastungen und Entscheidungen in unserem Leben konfrontiert, die ich nicht allein verantworten wollte im Sinne von „lass mich damit jetzt nicht allein zurück!“. In meiner Trauer war einfach ganz viel Liebe und Lust, noch viel Zeit mit ihm zu verbringen und gleichzeitig keine Abrechnung oder sinnen nach Ausgleich und Wiedergutmachung. Ich resümierte unsere Ehe als „schuldenfrei“.

Er wurde nach knapp zwei Wochen wieder entlassen und hat sich bis zum Zeitpunkt dieses Artikels vollkommen erholt.